Verschickungskind

11 December 2019 in Jugenderinnerungen

Wirklich ganz durch Zufall – ich ‚zappte‘ abends auf den deutschen Sendern‘ – hörte einer Frau zu, die von ihrer Verschickungszeit erzählte. Das Programm widmete sich dem Kongress „Das Elend der Verschickungskinder“ vom 21.-24.11.19 auf Sylt.
Bei den Worten ‚zu dünn‘, zwanghaft essen müssen, Haferbrei, Kontrollgängen der Tanten und gemeinsames Duschen drückte ich auf ‚aus‘. Ich wollte dies anfangs nicht hören. Neugierig war ich schon. Ob ich wollte oder nicht: auch ich bin ein Verschickungskind. Stempel mag ich nicht. Es besagt aber genau das, was ich auch mitgemacht habe und tief in meinem Gedächtnis versteckt habe. Durch das Lesen von Erfahrungsberichte von andere habe ich meine Erinnerungen auffrischen können. Dank den Schreibern auf der Internetseite.
Ich weiß, dass ich mit sechs Jahren für sechs Wochen zur Kur geschickt wurde. Der Hausarzt erzählte meiner Mutter, dass ich zu dünn und zu zaghaft bin und dass meine Einschulung Gefahr laufen würde. Ich wollte selber aber nichts lieber als endlich zur Schule zu gehen. Ich war zu Hause und im Kindergarten ‚ausgespielt‘. Ich wollte herausgefordert werden und hatte einfach Lust auf Lesen und Schule. Aber leider nicht. Meine Mutter, die tolle Erinnerungen an ihre Zeit als Hitlermädchen und ihre eigene Kinderlandverschickung hatte, stimmte dem zu. Zu Hause waren noch zwei andere Kinder.
Es ging mit dem Zug und viele andere Mädchen von Essen in den Schwarzwald. Geschickt wurde ich in die Bergklause Maria Frieden in Mambach*. Ich sollte in der guten Schwarzwald Luft vor allem zunehmen und ‚dicker‘ werden.
Zum Frühstück gab es jeden Morgen ‚pap‘ (gekochte Haferschleimsuppe). Dieser Geruch sitzt mir noch immer in der Nase.

Eine Nonne verteilte diese Brühe mit ihren Schöpflöffel über alle Teller. Die, die noch nicht zugenommen hatten, bekamen einen extra Zuschlag. Regel war, dass man nur aufstehen durfte, wenn der Teller leer war. Wohl dem, der es geschafft hatte. Sie konnte als erste ein schönes Spielzeug auserwählen. Das gelang mir leider nicht. Ich erinnere mich daran, dass ich alleine an einem der langen Tische gesessen habe, alles spielte (auch mit meinem Lieblingsspielzeug – das Puppengeschirr aus Porzellan), die Tische wurden abgewischt und ich blieb sitzen. Wie ich es letztendlich doch geschafft habe den Teller leer zu essen: keine Ahnung. Hatte die Nonne dann doch den Rest wieder in den Topf gekippt? Für mich war es schwer, um mich wieder in die Gruppe einzugliedern. Wie macht man das, wenn man ‚was falsch‘ gemacht hat. Eine Erfahrung, die mich noch immer begleitet.
Ebenso schlimm war das gemeinsame Duschen: auf dem Flur ausziehen, die Kleider schön geordnet hinlegen, dann nackt unter die Dusche, von einer Dusche zur anderen, die reihum gegliedert waren, dann bei der Nonnen mit dem eigenen Waschlappen und eigener Seife eingeseift werden, wieder abduschen und abtrocken und am Ende das obligatorische Wiegen inklusive Stress: hatte ich jetzt zugenommen oder nicht? und der dazu gehörende passende Blick der Nonne. ‚Auch dieses Mal kein Gramm zugenommen oder sollen wir sagen, 100 Gramm‘? Wiederum zum Kotzen. Waagen sind mir bis heute ein Gräuel. Wiegen tue ich nur, wenn ich alleine bin. Zugenommen habe ich bis heute zu wenig. Ich werde immer noch darauf hingewiesen, dass ich doch zu dünn wäre!
Ein anderer Gräuel war die Nacht. Geschlafen haben wir in großen Schlafsälen. Die Betten standen in Reih und Glied, der Flur war leicht verdunkelt, eine Nonne heilt nachts die Wache, es musste geschlafen werden, ob man müde war oder nicht, geflüstert, getuschelt oder aufstehen war nicht erlaubt. Wehe dem, der flüsterte oder aufstehen wollte, weil er ‚pipi‘ machen musste. Terror. Die Nonne kam ins Zimmer gerauscht, machte erst das Licht an, lief in die Richtung, wo sie meinte, dass das Geräusch herkäme und packten diejenige. Meine Taktik war es, um mich mucksmäuschenstill zu verhalten; nicht zu schlafen, wenn ich mal auf Toilette musste und vor allen Dingen darauf achten, dass ich nicht versehentlich gepackt und auf den kalten Flur gesetzt wurde. Meine Taktik hat mich gerettet. Hoffe ich, glaube ich, ich weiß es nicht mehr.
Am Ende der Ferien durfte man sich ein Mitbringsel aussuchen. Wir hatten Taschengeld von den Eltern bekommen. Es gab einen Normbetrag. Einige Kinder hatten mehr Geld. Abgezogen wurden die Kosten der Postkarten und der Briefmarken. Ich weiß nur, dass mein Mitbringsel nicht meinem Geschmack entsprach. Für so wenig Geld konnte ich mir nicht meine Herzenswünsche erfüllen. Wahrscheinlich habe ich mir damals geschworen, dass mir das nie weniger passieren sollte.
Ich habe auch schöne Erinnerungen. Ich kann mich an die frische Luft des Waldes und an den Schnee erinnern, an die Wanderungen im Schnee (wir durften wahrscheinlich nur laufen und nicht im Schnee spielen) und das gemeinsame Spielen und Basteln, das Liedersingen und Musik machen.
Wie auch immer. Diese Erlebnisse (Traumas?) haben Einfluss auf meine Person und Persönlichkeit gehabt.
Kreativität, Gemütlichkeit, Musik und Sensitivität im Allgemeinen und die für Gerechtigkeit sind die eine Seite. Laute Stimmen, große Frauen, Essen, bestimmte Stimmungen, die ich fehlerfrei anfühle, und ‚das nicht wertgeschätzt werden‘ sind die Gegenseite. Meine Sensibilität rettet mich damals wie heute. Meine Taktik ist Stärke wie Schwäche.
Ende gut alles gut: ich wurde eingeschult. Mit einer großen Schultüte.
* Beim Stöbern in der Schachtel meiner Mutter, wo sie unsere Kindersachen aufbewahrte, fand ich drei Ansichtskarten, die eine Nonne für mich geschrieben hatte. So weiß ich, dass ich in Mambach war. Unterschriebe habe ich mit Blockbuchstaben: Klaudia. Ich heiße Claudia Sabine und weiß jetzt wieder, wieso ich meinen Namen in Sabine geändert habe.

Danke fürs Lesen. Ich bin gerne bereit deinen Erinnerungen zu zuhören. Oder aber irgendwas Passendes in den Niederlanden zu organisieren.

Näheres kann man auf dieser Internetseite finden.

7 reacties | laat een reactie achter ↓

1 Ilse 11 December 2019 at 10:36 PM

Moedig om dit zo te schrijven. Meeslepend verhaal! Tranen bij die laatste zin. Eindelijk snap ik je keus om je naam te veranderen. Wat zit/zat dat diep…. Trauma’s? schrijf je ergens – met vraagteken… eh: lees je blog nog maar eens goed. Dat vraagteken kan wel weg. 🙁

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2 Claudia Sabine van der Velpen 12 December 2019 at 3:11 PM

Hallo Ilse, danke dir. Wieso und warum ich meinen Namen geändert habe, wurde mir erst gestern deutlicher. Sabine passt.

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3 Klaus 12 January 2020 at 3:42 PM

Liebe Claudia Sabine,

ich war ebenfalls 1962 in der Bergklause Maria im Frieden, Mambach. Ich war damals 5 Jahre alt.

Ich erinnere mich, dass ich viel geweint habe und wieder nach Hause wollte. Es gab 6 Wochen keinen Kontakt zu den Eltern. Meine Mutter hatte Briefe geschrieben, aber es wurde nichts weitergeben. Päckchen mit Süßigkeiten wurden von den Schwestern selbst gegessen oder vielleicht an alle verteilt. Angekommen ist jedenfalls nichts.

Nachmittags mussten wir nach dem Essen immer ins Bett und still liegen. Mein Bettnachbar hat mal aus Langeweile gepopelt. Die Schwestern haben ihn gezwungen seinen eigenen Popel zu essen. Dies war sehr eklig.

Sonntags ging es zur Messe in einer kleinen Kapelle. Dort sind jedesmal ein paar Kinder ohnmächtig geworden. Weshalb weiß ich nicht.

Die Erinnerung hatte ich lange Zeit verdrängt.

Viele Grüße
Klaus

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4 Claudia Sabine van der Velpen 14 January 2020 at 4:38 PM

wie ein Gruß oder Wink aus der Vergangenheit las ich dein Comment. Ich danke dir vielmals. Ich habe mich ungemein gefreut.
Für mich ist das Austauschen von Erfahrungen meine Art und Weise mit der Vergangenheit um zu gehen. Genau wie das Schreiben auf diesem Blog.

Ich habe – wie ich ja auch schrieb – wenig Erinnerungen. Weggeblockt oder anders erlebt. Ich weiß es nicht.

Deine Erfahrungen teile ich zum Teil. Ob Kontakt zu den Eltern war oder nicht, weiß ich nicht. Meine Mutter kann ich leider nicht mehr befragen, da sie gestorben ist. Dass sie aber die Karten bewahrt, sagt vielleicht einiges. Aber was: da kann ich nur raten.
Auf meiner Suche habe ich meine Patentante kontaktiert. Sie konnte sich nicht mehr erinnern, dass ich weggeschickt wurde.
Auch mein Bruder nicht mehr. Der war damals fünf Jahre alt. Er erzählte mir, dass wir ein Jahr später umgezogen sind ins Grüne, raus aus der Essener Innenstadt. Vielleicht hat es ihn ‚gerettet‘. Selber denke ich, dass er sowieso dicker war als ich.

Ich war im tiefen Winter Januar 1964 im Schwarzwald. Ich war 6 Jahre alt. Wir sind vielleicht auch zur Kappele hingegangen oder gerade wegen des Schnees eben nicht. Wir waren evangelisch. Zur Kirche gingen wir als Familie nur zu Weihnachten oder während der Konfirmationsvorbereitungszeit von uns drei Kindern. Ich könnte mir vorstellen, dass die katholische Kappele eher einen positiven Eindruck auf mich gemacht hat. Das machen die katholischen Kirchen noch immer.
Übrigens bin ich mit dem Zug von Essen aus gefahren. Das muss damals eine lange Strecke gewesen sein. Mit umsteigen?

Wir waren eine Mädchengruppe. Laut Karte der Schwester kam nach uns eine Jungengruppe. Vielleicht waren in dem Heim abwechseln Jungen und Mädchen. Was mir dann auffällt beim Lesen der Karte: dieser mahnende Zeigefinger. Es gab gut oder schlecht. Und so war es auch zu der Zeit; die schwarze Pädagogik. Hast du schon mal das Buch: Das Drama des begabten Kindes von Alice Miller gelesen. Ich habe es mir angeschafft; muss es aber noch lesen.

Mein Mann und ich wollen Ostern den Schwarzwald und dieser Gegend besuchen. Vielleicht kommen dann ja wieder Erinnerungen.
Nochmals vielen lieben Dank.

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5 Margrit 16 February 2020 at 8:07 AM

Liebe Sabine,

mir ist es als Kind genauso ergangen wie dir, ich wurde 1954 zur Kur nach Bad Soden im Taunus verschickt, zum Zunehmen, ebenfalls bei katholischen Nonnen.
Jeden Abend habe ich gebetet: Lieber Gott, lass mich morgen beim Aufwachen zuhause sein. Ich fühlte mich von Gott verlassen, als ich morgens immer noch im selben Bett lag.
Dort bin ich schon mit 5 Jahren vom Glauben abgefallen und hasse heute noch alles, was mit Kirche zu tun hat. Wenn ich Nonnen sehe, empfinde ich eine Mischung aus Verachtung und Furcht.
Ich habe dort die einzige Ohrfeige meines Lebens erhalten. Ich hatte mich zur Toilette geschlichen, weil der Eimer, der mitten im Schlafsaal stand, übergelaufen war. Ich war noch so klein, dass meine Füße in der Luft hingen. Eine riesige schwarzweiße Nonne kam herein und schlug mich mit aller Wucht ins Gesicht, vielleicht sogar mit der Faust.
Schöne Erinnerungen an diese endlosen Wochen habe ich nicht, es waren nur Angst, Kälte und Verzweiflung. Ich bin heute 71 Jahre alt und erinnere mich noch immer mit Beklemmung.

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6 Claudia Sabine van der Velpen 18 February 2020 at 6:58 PM

Liebe Margrit,

danke dir fürs Teilen. Das ist ja furchtbar. Es tut auch mir weh. Ich kenne dieses Gefühl der Beklemmung.
Heute habe ich mit einer deutschen Seelsorgerin gesprochen. Es ging eigentlich um’s Thema ‘Einsamkeit’. Eine Kollegin, die Seelsorgerin und ich wollen uns intensiver mit dem Thema beschäftigen. Wir arbeiten an einer Hochschule und untersuchen inwieweit es Einsamkeit unter Studenten gibt (ist durch Enqueten erfasst — das gibt es). Die Frage stellt sich uns, was und wie wir den Studenten helfen könnten. Am Anfang stellten wir uns gegenseitig die Frage: wieso und warum interessiert dich dieses Thema? Im dem Moment kam dieses Kindheidserinnerung des Kinderheims ‘ungefragt’ aus dem Unterbewussten nach Oben. Ich habe mich schrecklich alleine gelassen, einsam und unsicher gefühlt. Es ist mein Schatten geworden. Wenn auch immer, wie auch immer ich fühle mich auch heutzutage schnell alleine.
Kennst du das? Wir können auch persönlich über dieses Thema schreiben oder sprechen. claudiasabine@deutscherin.nl

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7 Claudia Sabine van der Velpen 7 September 2020 at 3:52 PM

Ein kleiner Nachtrag: Nach langem Hin und Her habe ich mich angemeldet als Auslandkoordinator für die Niederlande. Menschen miteinander verbinden macht mir Spass. Und das Thema beschäftigt mich halt eben wie beschrieben. Zufall oder nicht hat sich inzwischen eine deutsche Dame gemeldet, die in den Niederlanden wohnt und auch verschickt wurde. Wir haben uns ausgetauscht, unsere Grenzen abgesteckt (tot hier en niet verder) und am Ende des Gespräches festgestellt, dass es uns beiden geholfen hat.
Wie genau ich meine Rolle sehen, weiss ich im Augenblick noch nicht. Erst einmal Erfahrungen sammeln aus Gesprächen mit anderen ‘Verschickungskindern’, die in den Niederlande wohnen. Das ergibt sich das wahrscheinlich von selbst. wordt vervolgd….

(https://verschickungsheime.de/auslandskoordinatoren/)

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