Wenn die Vergangenheit sich mischt mit der Gegenwart!

10 November 2021 in .... herz,Jugenderinnerungen

Karte an die ElternKarte an die Eltern

Corona und Pandemie waren mir günstig gestimmt. Wir konnten in den Schwarzwald fahren – zwei Mal geimpft und Geduld haben mich belohnt. Idee war, um die Umgebung meines Kinderheimes, Mambach zu besuchen. Das Verlangen war groß. Wie sah es aus, wie die Umgebung und was tat es mit mir? Wäre es vielleicht möglich, dass Erinnerungen zu Tage treten würde, die ich irgendwie verdeckt hatte? Einige Puzzlestücke meiner Erinnerung sind weg. Im Forum hatte ich gelesen, dass bei manch einem durch Geruch und Fühlen Erinnerungen nach ‚oben‘ gekommen sind. Ich wollte es probieren und war auch wieder ganz schön nervös.
Wir haben in Schönau, Wiesental, Quartier gemacht und sind an einem Tag von Zell im Wiesental nach Mambach gelaufen. Die Bergkapelle  hat uns von weither gesehen. Übrigens konnte ich mich nicht an die Kapelle oder irgendwelche Gottesdienste erinnern. Vielleicht weil es im Januar 1963 tiefster Winter war und der Weg zur Kapelle, die oben auf dem Berg lag, nicht geräumt war. Aber das sind Mutmaßungen und Interpretationen.
Die Kapelle: Wir sind ‘reingegangen’ und haben die Inschrift im Innenraum gelesen. Vieles wurde auf einmal deutlich.

Die Bergkapelle Maria Frieden wurde vom Pfarrkurat Eugen Thoma gebaut als Dank für die Verschonung des Wiesentals und als Mahnung an den Frieden unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Zwei Jahre später (1947) wurde die Bergklause Maria Frieden, etwas unterhalb von der Kapelle, für Flüchtlingswaisenkinder, gebaut. (Als Flüchtlingskind war die Familie meiner Mutter intakt geblieben. Diese Verknüpfung und Erinnerung an meine Mutter gingen mir durch den Kopf). Die blieben bis zu ihrem 18. Geburtstag. Das Haus wurde leerer und die Plätze wurden von unterernährten Großstadtkindern eingenommen. Ich war eines.
Es war so ungemein friedlich und niedlich. Die Kapelle auf dem Hügel mit Aussicht űber‘s Wiesental rechts und links. Und nichts ‚deed vermoeden‘, dass hier schlimme Sachen geschehen waren. Wenn überhaupt. Dem wollte ich auf den Grund gehen. War es so schlimm wie ich von manchen Erzählungen im Forum der Seite ‚Verschickungsheime‘ mitbekommen hatte. Oder hat es sich konzentriert auf einige Heime und hatte ich einfach Schwein gehabt.
Auf dem Weg, erst runter zur Straße und dann wieder hoch zur Bergklause hatte ich den intensiven Wunsch, um das Heim zu besuchen. Einfach ‚reingehen und erleben was von dem Heim übriggeblieben ist.
Ich wusste von anderen, die den Ort besucht haben, dass das Heim inzwischen in privaten Händen ist. Das machte es wahrscheinlicher.
Wir hatten Glück. In dem Moment, wo ich ein Foto vom Eingangsbereich nehmen wollte, kam der Eigentümer aus dem Haus und sah uns. Er kam auf uns zu – so selbstverständlich – und stimmte zu, dass wir Fotos nehmen dürften. Auf seine Frage ‚wieso‘ erwiderte er, dass ich wahrscheinlich eines der ‚vielen‘ Kinder sei, die in diesem Heim ihre Kur gemacht hatten. ‚Es gesellen sich hier jedes Jahr einige, um das Heim anzuschauen‘. ‚Geht ruhig ‚rein‘ war seine Antwort. Alle Türe sind offen: nur hereinspaziert und guckt euch ruhig alles an. Es war so wie früher. Es hatte sich nichts verändert.
Bei meinem ersten Schritt ins Heim kamen, angewackelt durch den staubigen muffigen alten Geruch, die Erinnerungen. Ich wurde hereingezogen, wie von selbst und bin wie selbstverständlich durch das Haus gegangen.
Das Esszimmer, wo ich diese furchtbare Haferschleimsuppe, essen musste, bis mein Teller leer war. Und die Erinnerung, dass andere Kinder viel schneller im Essen waren und mit dem schönsten Spielzeug gespielt haben. Das Porzellanpuppengeschirr war nicht für mich bestimmt. Die Treppe hoch zu den Schlafsälen. Die Treppe aus Stein oder Marmor, abgenutzt von vielen Schritten, die Buntglasfenster mit den Inschriften, die ich damals nicht lesen konnte, da ich im Vorschulalter war, eine Holzkiste mit Marienbild und das Jesuskreuz im Flur. Gesehen habe ich es vielleicht als Kind, Eindruck hat es wohl weniger gemacht.
Dann die Schlafsäle. Damals auf der ersten Etage, die für die Mädchen und im zweiten Stock, die für die Jungen. An Jungen kann ich mich nicht erinnern. Wohl aber, dass die Schlafsäle groß waren, bestückt mit Betten, dicht aneinandergereiht und so hingestellt, dass die Nonnen oder Frauen, schnell durchs Zimmer laufen konnten zu demjenigen, der tuschelte oder ins Bett gemacht hatte. Wer Pech hatte, hat Schläge bekommen. Leider lag ich neben der Eingangstür und habe von den Schlägen einige mitbekommen. Obwohl: ich war doch brav gewesen und hatte nichts gemacht. Manchmal trifft es den Verkehrten.
Der Schlafsaal war jetzt aufgeteilt in Zweipersonenzimmer passend zum Gebrauch des heutigen Hauses als Meditationszentrum.
Dann das Badezimmer: die Waschbecken aneinandergereiht, weil es damals eben praktisch war.
Wir liefen ans Ende des Flures. Rechts und links waren eingebaute Schränke, die abgeschlossen waren. Der Flur führte uns in ein Zimmer mit hölzernen Schränken. Die Erinnerung kam. In dem Zimmer konnte man sich am Ende des Aufenthaltes sein Mitbringsel aussuchen. Für mich ein großes Trauma. Meine Mutter hatte in dem Schreiben des Heims gelesen, dass man als Kind kein Taschengeld brauchte, da ja alles vergütet wurde. Nur die Briefmarken und die Karten, die man nach Hause schrieb, mussten bezahlt werden. Das magere ‚Etwas‘ das von meinem Taschengeld übrig blieb, reichte nur für etwas sehr Kleines und wahrscheinlich sehr blödes Ding. Grob kann ich mich an ein Reh erinnern. Das wollte ich nicht haben. Es war das Einzige was ich bezahlen konnte. Tränen kamen mir bei dieser Erinnerung. Die Heimreise hat das Mitbringsel wahrscheinlich nicht überlebt.
Die Duschen waren im Keller. Dieser furchtbare Raum, wo man in Massen abgeduscht und gewogen wurde, wo der ‚Scharfrichter‘ stand, der sagte, ‚jetzt wird aber mehr gegessen sonst wirst du nie ‚stark‘. Eine Schöpfkelle extra von diesem Brei als Frühstück‘.
Am Ende des Rundganges gesellte sich der Eigentümer zu uns und haben wir über diese Zeit gesprochen. Es tat gut. Der Mann war offen und mitteilsam. Er konnte mir erklären, dass Dokumente zeigten, dass die Trägerschaft geteilt wurde zwischen Caritas, Bahn, Post und noch anderen kleinen Trägern.
Es war schon komisch. Tat aber gut. Die Klause war kleiner als die in meiner Erinnerung. Kleiner und irgendwie wohnlich. Viel Holz und Stein; auch als Vertäfelung in den Schlafzimmern.
Einfach schön war auch, um sich nochmals vorzustellen, dass die Bahn mich, bis Zell im Wiesental gebracht hat. Die Bahnstrecke heißt jetzt Tödtnauli. Diese gibt es nicht mehr. Der Bus hat uns weitergebracht.
Die Quintessenz ist: konfrontiere dich mit Orten, an denen du warst und lass die Erinnerung fließen als Markierung für weitere Erinnerungen, die dann zu Tage treten. Und als Hilfestelle für die Verarbeitung und ‚ins Reine‘ kommen mit Erinnerungen und auch mit dem was man gelernt hat: u.a. negatives Selbstbild. Dies alles findet seinen Ursprung in dieser Zeit und dieser lieblichen Umgebung. Alles ist zweiseitig. Negative und schöne Erinnerungen: Singen und Basteln, das Gemeinsame und die Natur. Die Geschlossenheit, auch wenn es begrenzt war. Auch die haben mich geformt. Ich genieße noch immer vom Kreativen, der Natur und dem abgegrenzten Raum. Grossräume machen mich ängstlich, wie so einiges mehr im heutigen Leben beruhend auf meine Kindheit. Und da bin ich nicht die Einzige.

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