‘Ich dreh sofort um…? ’ Ein Gastbeitrag von Anja Fricke*

3 May 2020 in Geen categorie,In Kontakt mit Deutschen in Deutschland,Kopfbrecher

Ein Gastbeitrag von Anja Fricke.

‘Ich dreh sofort um…? Das ist meine Frage, wenn ich die langen Reihen vor dem Supermarkt in der heutigen Zeit sehe.

Ich habe als ehemalige Ost-Deutsche zu diesem ‚Reihe stehen‘ eine ganz andere Beziehung. Schrick, Weglaufen und Erinnerungen. Lasst mich mit der Erinnerung anfangen.  Dazu gehe ich zurück in die 80-Jahre: ein kleines Dorf im Harz, im Osten versteht sich. Als Dorfbewohner der DDR ging man nicht oft zur Stadt und hatte es auch nicht nötig. Jedes Dorf in der DDR war nämlich selbstständig in allem. In unserem Dorf hatten wir ein Konsum und ein Privater, der anderen Sachen verkauft hat dann der Konsum. Nicht nur wer in einem Dorf groß geworden ist kennt die sozialen Strukturen und das man als Dorfbewohner um eine ganze Geschichte zu hören diese zwei Geschäfte durchlaufen muss. Großer Unterschied zwischen diesen beiden war, dass beim staatlichen Konsum vielleicht einmal pro Jahr ein paar Wassermelonen zu kaufen waren. Aber meisten waren es viel zu wenig fürs ganze Dorf; aber was noch wichtiger ist waren die berühmten Beziehungen, um die Ware unterm Ladentisch zu verkaufen. Unsere Familie hatte nie dieses Glück, um Melonen im Konsum kaufen zu können. Wir hatten auch einen Bäcker, eine Holzsägerei, ein Kino wo ungefähr 50 normale Stühle standen, verschiedene Kneipen, Laubenpieper, eine Wäscherei und Mangel, eine Molkerei, ein eigenes Gemeindehaus, eine Telefonzelle, eine Schule, Kindergarten, Gärtnerei, Hausarzt, die üblichen staatlichen LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft) und TPG (Tier Produktionsgenossenschaft). Also alles, was ein Dorf begehrt, um selbstständig zu sein.

Aber ab und zu war es nötig  um in die Stadt zu gehen, für Kleidung oder auch mal einen Fleischer. So bekam ich meine Erfahrung mit Einkaufen in der Stadt und Stunden warten vor einem Geschäft aber dann ohne 1,50 Meter Einhaltung des Abstandes. Gott sei Dank hatte die DDR dieses Gesetz, um keinen Kontakt zu bekommen nicht erfunden.  In einer Schlange vor einem Geschäft waren es immer mehr als 10 Leute. Das sieht man auch auf alten Fotos. Es war offiziell nicht erlaubt. Sie kommunizierten miteinander. Und das komische ist, wenn du in der Stadt wohnst dann kennt man diesen oder jenen, der in der Reihe steht. Aber in der Schlange erzählte man keine wichtige Dinge, da ja mitgehört werden konnte.

Und wo ich dies so aufschreibe, sehe ich mich mit meiner Mutter warten, warten, warten…. Um Zeit zu besparen fuhr mein Vater in die Stadt zu einem anderen Geschäft, um auch in der Reihe zu stehen. Ich blieb bei meiner Mutter. Gott sei Dank hat es nicht geregnet. Wir standen in der Reihe, um hoffentlich noch das Fleisch zu bekommen, was meine Mutter in Gedanken hat. Die Kinder aus der DDR haben durch das Reihe stehen viel Geduld lernen auf zu bauen. Auch die Eltern natürlich. Weil meine Mutter und ich fremd waren hat auch kaum jemand mit uns gesprochen. Es war auch keine Möglichkeit, um irgendwo zu sitzen, nein man muss schon was überhaben, wenn man vom Fleischer etwas kaufen will. Ich war froh als wir endlich die Türschwelle vom Fleischer passiert haben. Als Kind kann ich mich noch sehr gut daran erinnern:  der Fleischgeruch stieg nach Stunden warten draußen auf der Straße mit frischer Luft sehr stark in die Nase. Frische Luft! Ja frische Luft, es gab ja sehr wenig Verkehr, weil die meisten kein Auto hatten.  Also da standen wir eine ganze Weile und meine Mutter tanzte: aber nicht nach einer Musik. Auch nicht wegen ihrer Freude im Geschäft zu stehen. Nee tanzend schauen was der Fleischer noch hat, um ihre Einkaufsliste anzupassen. Und tanzen um die Leute herum, die im Wege standen vor der Vitrine. ‚Flexibel sein‘ war nötig in der DDR. Das Warten dauerte auch lange, weil der Fleischer zwischendurch Gehacktes machen musste oder etwas anderes in Stücke hackte. Dieses machte er solange bis sein Vorrat alle war. Meine Mutter tanzte, um zu sehen was noch da war. Auf einmal merkte ich wie meine Mutter in meine Hand kniff und mich raus an die frische Luft zog. Aber wir hatten ja noch Garnichts eingekauft und waren so nahe dran?  Meine Mutter war im Geschäft von dem Fleischgeruch nicht ‚gut geworden‘ und musste raus: sie wollte nicht, dass ihr ein Unglück im Geschäft passiert. Tja das wird schwierig um an Papa, der irgendwo anders in der Reihe steht, zu erklären warum wir kein Fleisch hatten. Und dann ist das Warten ohne Ziel und ohne Beute sehr langweilig.

In der Stadt musste man, auch wenn man beim Bäcker kaufen wollte sehr, sehr früh aufstehen, um was zu ergattern. Das die Planwirtschaft nie funktionieren konnte war deutlich. Ich bin kein Ökonom, aber auch ich wusste als Kind das, was beim Bäcker passiert dem Staat sehr viel mehr kostet. Ganz einfach: Erstens waren die Brötchen und das Brot sehr billig. Ich glaube ein Brötchen war 0,05 Pfennig und das Brot 0,97 Pfennig. Den Rest der Kosten hat der Staat subventioniert. Und jetzt das Kuriose. Beim Bäcker war nicht genug für jeden, aber wenn man Freitagmittag bei den riesigen Kombinaten und VEB Betrieben hintenrum beim Abfall mal guckte war erstaunt, was da lag? Säcke voll mit Brötchen, die der Bäcker nicht verkauft hatte. Ich weiß das noch so gut, weil mein Opa wusste, wo er Säckeweise Brötchen zum Füttern für unsere Tiere bekam. Und ich weiß das noch so gut, weil ich ja mithelfen musste, um unsere Tiere zu füttern. Das war eine Arbeit, um die Säcke Brötchen klein zu machen und so zu bearbeiten, dass die Tiere es essen konnten. Und wir hatten manchmal 6 Schweine im Jahr, Kaninchen, Gänse, Enten, Hühner und die haben immer Hunger….

Ja, da stehe ich jetzt wieder in der Reihe! Aber Gott sei Dank im freien Westen! Es ist ja genug für alle da, also dann mal anstehen mit Abstand versteht sich….

*Ich habe Anja Fricke herausgefordert, um ihre Assoziation zum Thema ‘Schlange stehen’ aufzuschreiben, nachdem ich selber den Artikel (Geh nicht ‘raus’) geschrieben habe.

Anja ist in der ehemaligen DDR aufgewachsen, lebt jetzt in den Niederlanden und arbeitet als Dozentin und Trainerin. Sie begleitet Reisen in die DDR und gibt zum gleichen Thema Vorlesungen. Oder zur Corona-Zeit Webinars.

 

 

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